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Vom Weib zur Frau

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Wer heutzutage das Wort Weib gebraucht, möchte sich in der Regel mit einer missfälligen Bemerkung Luft machen. Weiberabend, Weibsbild, Weiberkram, Waschweib und alles andere, was mit Weib zu tun hat, sind in unserer Sprache negativ konnotiert. Weibisch ist im Gegensatz zu weiblich ein abwertender Begriff, in der Sprachwissenschaft auch pejorativ genannt.

Doch das war nicht immer so. Im Alt- und Mittelhochdeutschen, das heißt etwa bis zum 13. Jahrhundert, war das Wort wip bzw. wib, von dem Weib abgeleitet ist, noch ein ganz neutral besetzter Ausdruck, der der einfachen Geschlechtsbezeichnung diente. Wip/wib wurde ohne jeglichen negativen Beigeschmack genutzt und setzte sich neutral bis ins Frühneuhochdeutsche durch. So sind heutzutage also keine bösen Absichten der Autorin oder des Autors zu vermuten, wenn in frühen deutschen Texten vom Weib die Rede ist. Vielmehr lässt sich auf eine unbefangene Wortbedeutung schließen.

Wie hat sich das heute verwendete Wort Frau an die Stelle des Weibs gesetzt? Der Ursprung liegt in den Wörtern frouwe bzw. vrouwe. Diese benannten eine weibliche Adelsperson und wurden zur Markierung von Standesunterschieden gebraucht. Äquivalent zur männlichen Anredeform Herr waren sie als weibliche Titelbezeichnungen zu verstehen.

Der Bedeutungswandel, der schließlich das Wort Weib herabsetzte und Frau in die Alltagssprache eingehen ließ, ist ein unabsichtlicher Nebeneffekt. Vermutlich aus Prestigegründen, der Höflichkeit halber und um die Gesprächspartnerin nicht zu erniedrigen, wurde eine schmeichelhafte Anrede gewählt, obwohl diese möglicherweise nicht standesgemäß war. So war man(n) immerhin auf der sicheren Seite, falls man(n) es doch mit einer Edeldame zu tun hatte. Die regelmäßige Verwendung dieses sprachlichen Mittels führte schließlich zur Etablierung der Bezeichnung Frau für weibliche Personen und zur Abwertung des Begriffs Weib.

Wer jedoch genauer hinschaut (oder im etymologischen Wörterbuch nachschlägt), findet heraus, dass selbst die Bezeichnung wip/wib einen Ursprung hat, der uns an konservative Rollenbilder denken lässt: Das vermutlich aus dem Indogermanischen abgeleitete uei-b- bzw. uei-p-, was drehen, sich schwingend bewegen bedeutet, soll an die sich geschäftig hin und her bewegende Hausfrau angelehnt sein.

Dementsprechend geht frouwe/vrouwe mit dem Wortstamm fi-o auf eine althochdeutsche Bezeichnung für Herr zurück, sodass frouwe eigentlich dem Wort Herrin entspricht.

Ein Zeichen für männliche Dominanz? Wahrscheinlich. Und dafür muss gar nicht so tief im etymologischen Wörterbuch gegraben werden. Nicht nur Wortursprünge, sondern auch zahlreiche Redewendungen machen deutlich, wer in unserer Sprache die Hosen anhat. Während sich viele dieser Wendungen in der Zeit der Ständegesellschaft herausbildeten, in der Unterdrückung und Benachteiligung der Frau (beziehungsweise des wip/wib) an der Tagesordnung standen, ist es erstaunlich, dass sich das angeblich abgelegte Patriarchat auch heute noch ganz unbemerkt in unserer Sprache wiederfindet. Auch, wer kein ausgekochter Spitzbube ist, kann bei all den Redensarten den Überblick behalten. Dabei die eindeutig positive Besetzung mit Männlichkeit assoziierter Wörter außer Acht zu lassen, wäre eine Milchmädchenrechnung. So gehen die meisten weiblichen Zuschreibungen eben auch heute noch mit einer negativen Konnotation einher. Das Wort Weib, das im Ursprung kein abwertender Begriff war, hat heute eine weit stärker degradierende Bedeutung als sein Gegenstück Mann oder Kerl. Da ließe sich eine herrliche Liste anlegen — mein lieber Herr Gesangsverein!

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